Hundesportverein Stotternheim e.V.
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Vorsicht mit Strafen

„Einmal druff und gut is“, hören wir als Hundetrainer schon mal gerne, wenn ein Hund an Besuchern hochspringt, den Hasen jagt oder heftig an der Leine zieht. Hundehalter sind manchmal sehr schnell dabei, ihren Hund für unerwünschtes Verhalten zu bestrafen. Wie effektiv ist das? Macht das Sinn? Hey-Fiffi-Trainerin Carolin Hoffmann hat sich dazu ein paar Gedanken gemacht.

 

Die hohe Kunst des positiven Strafens

 

 

 

Neulich erzählte eine Kollegin von einem Hund mit Aggressionsproblemen. Sie konnte mit dem Training über positive Verstärkung nur sehr kleine Fortschritte machen und wurde immer wieder zurückgeworfen. Das lag daran, dass die Umweltbedingungen so ungünstig waren, dass der Hund immer wieder viel zu nah mit dem Menschen/Hunden konfrontiert wurde, als dass er dort noch hätte erfolgreich trainieren können. Ein Mitdenken war für den Hund nicht wirklich möglich, denn gezwungenermaßen wurde regelmäßig seine Wohlfühldistanz unterschritten und so hat er aggressiv reagiert. Seinen Menschen ging das Training zu langsam voran, sie waren frustriert und – logischerweise – verunsichert. Also engagierten sie einen Trainer, der mit aversiven Methoden arbeitet. Dieser Trainer strafte den Hund durch Gewalteinwirkung in der entsprechenden Situation zwei Mal, und von dem Tag an war das Problem gelöst. Seitdem lebt der Hund – so die Aussage der Kollegin – mit seinen Menschen glücklich, zufrieden und problembefreit.
Die Kollegin kam daraufhin ins Grübeln und war natürlich auch gefrustet, wie es sein kann, dass der Trainer zwei Mal draufhaut und der Hund „geheilt“ ist, während die Arbeit über positive Verstärkung so mühselig scheint und lange dauert.

 

Funktioniert Strafe nun also doch?

Natürlich funktioniert Strafe. Sonst gäbe es sie evolutionstechnisch betrachtet nicht. Denn was ist der Sinn von Strafe? Der Hund (oder das Individuum, das gilt ja für alle Lebewesen, so auch für uns Menschen) erfährt auf ein Verhalten eine negative Konsequenz, so dass das Verhalten nicht mehr oder weniger gezeigt wird. Mitunter kann das Leben retten. Das ist auch der Grund, warum Strafe nicht 100 Mal ausgeführt werden muss, sondern – im besten Fall – nur ein Mal. Insofern ist Strafe ein sehr wichtiges Lernelement und aus der Verhaltensbiologie nicht wegzudenken. Das ist super – so denken viele. Einmal Zackzack und alles ist gut – statt Ewigkeiten rumzudoktern.

 

Sollte ich also Strafe anwenden?

Unter Laborbedingungen funktioniert sowohl das Lernen über Verstärkung als auch das Lernen über Strafe sehr gut. Im Labor kann ich genau die Bedingungen schaffen, die ich dazu brauche: Eine reizarme Umgebung und Ausschluß von unerwünschten Ablenkungen, ich kann den stets gleichen Ablauf garantieren, kontrolliert Auslöser und Strafreize steigern, für perfektes Timing sorgen etc.
Im Alltag hingegen ist das wesentlich schwieriger. Wir können unsere Umwelt nicht so stark beeinflussen. Maximal auf dem Hundeplatz haben wir noch die Möglichkeit, einigermaßen „sauber“ zu experimentieren. Trotzdem fehlen uns häufig die Möglichkeiten, bestimmte Situationen nachzustellen. So bleibt der Elektrozaun in der Regel an der Schafwiese stehen und auch der Stromschlag bleibt immer gleich stark. Darauf habe ich keinen Einfluß.

 

Ein Beispiel aus der Menschenwelt

Und genau das ist das Problem, das ich anhand eines Beispiels aus der Menschenwelt verdeutlichen möchte:
Drei Geschwister, mit den gleichen biologischen Eltern, dennoch mit sehr unterschiedlicher Natur. In der Erziehung wird auch Strafe eingesetzt. Weil die üblichen Strafen wie Anschreien, Hausarrest, Spielzeug- und Fernsehentzug nicht helfen, wird das älteste Kind ab und an „körperlich gemaßregelt“. Es reagiert auf alle Strafaktionen gleich: Es wird aggressiv, schreit, wehrt sich, verschließt sich, wird bockig, entwickelt sich zu einem reaktiven Sonderling.
„Straft“ man das Mittlere, indem man streng schaut oder die Augenbraue lupft – und wir alle sind uns einig, dass streng gucken nicht wirklich besonders „schlimm“ ist –, fällt es sogleich in sich zusammen, es entwickelt Depressionen und ein mangelndes Selbstwertgefühl und macht lieber gar nichts mehr, als irgendetwas Falsches.
Das jüngste Kind reagiert auf Strafe wie erwünscht, es verändert sein Verhalten und zeigt Einsicht.
Diese Beispiele sind real, ich habe sie mir nicht ausgedacht. Und diese Beispiele spiegeln haargenau die Varianten wider, die die Folge einer Strafaktion am Hund sein kann.

 

Der Ausgang harter Strafen ist ungewiss

Es können mehrere Dinge passieren:

1) Der Hund empfindet die Strafe nicht als Strafe und bleibt unbeeindruckt.
2) Der Hund fühlt sich bedroht und beginnt, sich zu wehren.

Folge der ersten beiden Möglichkeiten: Das unerwünschte Verhalten bleibt im Repertoire, es kommen neue hinzu. Um das zu unterbinden, muss als Konsequenz heftiger gestraft werden.

3) Der Hund empfindet die Strafe als zu hart. Er bricht psychisch ein.
Die Folge: Möglicherweise unvorhersehbare Verhaltensprobleme.

4) Der Hund empfindet die Strafe als angemessen hart und er kann sie auch richtig verknüpfen.
Die Folge: Sein Verhalten hört auf, ohne psychischen Schaden anzurichten oder unerwünschte Verhaltensänderungen zu bewirken.

Fazit: Wir müssen also unsere Hunde ziemlich gut kennen und dazu ihre situative Emotionslage einschätzen können, um zu wissen, wie hart wir strafen müssen, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Die Einhaltung aller anderen Regeln des Strafens (wie perfektes Timing, etc.) jetzt mal vorausgesetzt! Auf diese gehe ich an der Stelle nicht ein, denn das würde noch viel weiter führen.

 

Traust du dir das zu?

Und wer traut sich das zu? Ich mir nicht, und das nicht einmal bei meinen eigenen Hunden, geschweige denn an einem Kundenhund. Die potentiellen Nebenwirkungen und Spätfolgen wären mir ein viel zu wenig kalkulierbarer Faktor. Die Angst, mehr kaputt zu machen als Gutes zu bewirken, lässt mich mich gegen invasive Strafanwendung entscheiden.

 

Strafen moderne Hundetrainer also nie?

Um das klar zu stellen: Es wäre gelogen zu behaupten, dass über positive Verstärkung arbeitende Hundetrainer nicht auch über Strafe arbeiten würden. Denn auch die frustrierende Strafe, auch negative Strafe genannt (also das Wegnehmen von etwas Angenehmen, „negativ“ = „etwas wegnehmen“), ist Strafe. Wenn ich dem Hund also etwas Schönes entziehe (und sei es auch nur Aufmerksamkeit), damit er ein Verhalten nicht mehr zeigt, gilt dies in der Verhaltensbiologie als Strafe. Negative Strafe kann sehr effizient sein, doch auch hier können Nebenwirkungen auftreten, wie zum Beisiel Frust. Und daher muss auch hier genau abgewogen werden, wie viel Frust der einzelne Hund aushalten kann, damit kein kontraproduktiver Effekt erzielt wird. Die Auswirkungen von negativer Strafe sind in der Regel jedoch lange nicht so schwerwiegend, wie einen Hund über ängstigende Strafe, also positive Strafe – dem Hinzufügen von etwas Unangenehmen („positiv“ = „etwas hinzufügen“) – zu maßregeln. Es gibt auch (sehr wenige) Elemente des positiven Strafens, die im modernen Hundetraining eingesetzt werden. Moderne Hundetrainer verzichten allerdings auf jede Maßnahme des harten, positiven Strafens, die sich ängstigend, erschreckend oder unter Druck setzend auf den Hund auswirken kann.

 

Positive Strafe – Achtung!

Klar, viele Leute strafen und denken nicht weiter über die Folgen ihrer (meist positiven) Strafen nach. Doch wie viele Hunde gibt es, denen man diese Folgen anmerkt? Dazu brauchen wir nicht einmal in überfüllte Tierheime zu gehen. Es reicht, sich die Hunde auf der Straße anzuschauen. Wie viel Leinenaggression gibt es trotz Strafanwendungen? Wie viele unsichere oder auch ängstliche Hunde laufen herum? Wie viele gehemmte Hunde seht ihr, die unentwegt damit beschäftigt sind, gut Wetter beim meist dafür blinden Menschen zu machen?

 

Lottospielen

Im oben beschriebenen Fall der Kollegin mag die positive Strafe gewirkt haben. Vielleicht läuft der Hund tatsächlich glücklich und zufrieden durch die Gegend. Ich persönlich würde mir diesen Hund dazu gerne anschauen. Doch wer weiß, vielleicht ist es wirklich so.
Aber wie viel Glück hatte der Trainer dabei, wenn man die möglichen Konsequenzen kennt und ahnt, an wie vielen Schräubchen man drehen muss, um die richtigen „Laborbedingungen“ zu schaffen und den erzielten Effekt zu erreichen! Und viel spannender für mich wäre zu erfahren, bei wie vielen Hunden dieser Effekt tatsächlich nebenwirkungsfrei eintrat.
Ängstigende oder positive Strafe ist wie Lottospielen. Du kannst gewinnen – mit einer Chance von 1 zu 1 Million.

 

 

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